Es gibt ja immer wieder neue Formeln, die scheinbar zu Glück und Wohlstand verhelfen. Eine, die ziemlich im Trend ist und vor allem in der spirituellen Szene oft gebraucht wird, heisst «Loslassen». Immer wieder hört man von Therapeuten: «Du musst loslassen!» Das stimmt ja im Grund schon, doch wenn man dann fragt, wie genau das konkret gehen soll, dann kommt meistens nichts Schlaues dabei heraus. Kein Wunder, denn man kann nicht einfach sagen, ich lasse etwas los. Das funktioniert leider überhaupt nicht.

Vor allem dürfen wir nie vergessen, wir leben in einem Resonanz Gesetz. Wenn ich jetzt etwas um alles in der Welt loslassen möchte (zum Beispiel die Vergangenheit, einen Ex-Partner, eine bestimmte Erinnerung), richten wir automatisch den Fokus auf die Situation oder den Menschen, von der oder dem wir uns nicht mehr länger blockieren lassen wollen. Wir wollen dies loslassen oder, präziser gesagt, … loswerden! Damit lenken wir die Energie bewusst oder unbewusst auf das, was nicht ideal war an unserer Vergangenheit und wir verunmöglichen das Loslassen. Wir manifestiert uns sogar genau das Gegenteil von dem, was wir wollten, nämlich das «Nicht-Loslassen».

Die Resonanz lässt grüssen
Oder noch spannender (und schlimmer) … man baut eine so starke Loslass-Energie auf, dass man plötzlich immer mehr Dinge anzieht, bei denen man lernen muss, loszulassen. Je mehr ich Loslassen möchte, desto mehr Situationen ziehe ich in mein Leben, bei denen ich genau das lernen darf/muss. Mir kommt da immer ein schöne Geschichte in den Sinn, ich erzähle sie hier frei nach Pascal Voggenhuber, im Original ist sie ein bisschen anders.

Der Meister und sein Schüler
Ein Weiser ist mit seinem Schüler auf Wanderschaft gewesen. Da beide Mönche waren, war es ihnen auf das Strengste untersagt, in Kontakt mit Frauen zu kommen. Weder zu sprechen noch zu berühren. Auf der Wanderschaft kamen sie an einen Fluss und am Ufer stand eine nackte Frau (warum die Frau nackt ist, bleibt mir bis heute ein Rätsel). Und durch die starke Strömung hatte die Frau Angst, den Fluss zu überqueren. Der Schüler ging voran und die Frau bat ihn um Hilfe. Doch der Schüler ignorierte die Bitte und durchquerte den Fluss, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Der Meister hingegen nahm die nackte Frau auf den Arm, trug sie über den Fluss, setze sie am anderen Ufer wieder ab und wünschte ihr einen schönen Tag.

Der Schüler war ausser sich vor Wut und las seinem Meister die Leviten: «Du hast mit der Frau geredet und du hast sogar ihren nackten Körper berührt und sie getragen. Wie kannst du nur mein Meister sein! Du bist voller Sünde!» Der Meister meinte nur: «Ich habe das getan, was das Leben von mir verlangt hat.» Der Schüler verstand ihn nicht und schimpfte weitere zwei Stunden auf den Meister ein. Doch der gab keine Antwort mehr.

Der Schüler wurde immer wütender und bat den Meister um eine Stellungname. Der Meister schaute ihn an und meinte: «Ich habe getan, was das Leben von mir verlangt hat. Ich nahm die Frau, trug sie über den Fluss, setze sie auf der anderen Uferseite ab und verabschiedete mich. Dann habe ich sie dort gelassen. Du aber – du trägst sie seit zwei Stunden ununterbrochen mit dir herum.»

Loslassen und Leiden passen nicht zusammen
Ich persönlich finde die Geschichte sehr treffend. Loslassen heisst vor allem, Dinge annehmen zu können. Und sich nicht ständig auf das zu konzentrieren, was man nicht mehr haben möchte. Oft wissen wir selbst nicht, warum wir nicht loslassen können. Wir haften an alte Mustern, Vorstellungen, Dogmen, Anweisungen und so weiter. Prüfen wir doch einfach, ob diese Sicht der Dinge überhaupt noch einen Sinn ergibt, oder ob sie uns nur weiter leiden lässt. Konzentriere dich nie auf den Mangel, sondern auf das, was gut ist oder war an der Situation. Wenn du beispielsweise einen Ex-Partner nicht loslassen kannst, konzentriere dich auf das Gute dieser Beziehung. Auf das, was du lernen konntest und auf die Erfahrungen (ja, manche Erfahrungen fühlen sich wie Fehler an), die dich in deinem Leben weiterbringen.

Frieden schliessen mit der Vergangenheit
Was hast du dann gemacht? Du hast die Situation angenommen und dich um Frieden bemüht. Du kämpfst nicht mehr gegen die Vergangenheit (die du eh nicht mehr verändern kannst), sondern nimmst die positiven Aspekte an und schliesst Frieden damit. Das interessanteste am Loslassen ist nämlich, dass es gar nicht möglich ist, Vergangenes loszulassen. Nur indem du es annimmst und diesen Frieden schliesst, wirst du frei davon, weil die Vergangenheit dann DICH loslassen wird … !

Es gibt ein schönes Zitat von Buddha zu diesem Thema: «In the end, only three things matter: how much you loved, how gently you lived, and how gracefully you let go of things not meant for you.» «Am Ende zählen nur drei Sachen: Wie viel du geliebt hast, wie sanft du gelebt hast und wie dankbar du Dinge loslässt, die nicht für dich bestimmt sind.»

Ich grüsse euch herzlich.
Pascal Voggenhuber

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